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Unterstützer des Kandidaten der Opposition, Edmundo González, bei einer Wahlkampfveranstaltung Unterstützer des Kandidaten der Opposition, Edmundo González, bei einer Wahlkampfveranstaltung  (AFP or licensors)

Adveniat zu Venezuela: Wahlen als Hoffnung auf Übergang

Das katholische deutsche Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat steht an der Seite der Menschen in Venezuela. Das Land ist schon lange in einer schweren Krise, nicht nur wirtschaftlich. Die Sozialistische Partei von Präsident Nicolás Maduro regiert sehr autoritär. Am 28. Juli stehen nach langem hin und her nun Präsidentschaftswahlen an. Was sie für das Land bedeuten, darüber haben wir mit dem Leiter des Bereichs Ausland beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, Thomas Wieland, gesprochen.

Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Radio Vatikan: Welche Bedeutung haben diese Wahlen jetzt? Und kann man überhaupt von Wahlen im demokratischen Sinn sprechen?

Thomas Wieland, Leiter des Bereichs Ausland bei Adveniat:

Diese Wahlen haben für Venezuela eine große Bedeutung. Das wird sichtbar auch an der Stellungnahme der venezolanischen Bischöfe vom 11. Juli, die von einem „Fest der Demokratie" sprechen und die Bürgerinnen und Bürger des Landes aufrufen, unbedingt von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Es ist die einzige Möglichkeit, wo sich die Menschen in Venezuela äußern können und sich zum Regime und zu den Umständen, in denen sie leben müssen, verhalten können. Die andere Art und Weise, die die Venezolaner und Venezolanerinnen nutzen, ist der Koffer, mit dem sie einfach das Land verlassen. Das ist eine Möglichkeit, um noch einmal zu zeigen, wie sie mit der jetzigen Regierung einverstanden sind und welche Person sie an der Spitze des Landes sehen.

Hier Hören: Thomas Wieland von Adveniat im Interview zu den Präsidentschaftswahlen in Venezuela am Sonntag (Interview von Stefanie Stahlhofen für Radio Vatikan/Vatican News)
Der amtierende Präsident Nicolás Maduro bei einer Wahlkampfveranstaltung
Der amtierende Präsident Nicolás Maduro bei einer Wahlkampfveranstaltung

„Nicht unbedingt demokratische Musterwahlen“

Ob man von einer richtigen Wahl sprechen kann - da möchte ich Ihnen einfach ein paar Rahmenbedingungen schildern: Zum einen sind sämtliche Wahlbeobachter aus Europa ausgeladen worden. Sich in das Wahlregister einzuschreiben, ist für die etwa fünf Millionen Menschen, die außerhalb des Landes leben und die das Recht haben zu wählen, so gut wie nicht möglich. Sie haben oft keine Papiere oder die entsprechenden staatlichen Stellen, Auslandsstellen des venezolanischen Staates,  stehen nicht zur Verfügung, so dass nur 70.000 Personen wählen können, von den fünf Millionen, die außerhalb des Landes sind. Und ein drittes Element: Die Opposition hat versucht, ihre Kandidatinnen und Kandidaten aufzustellen. Und da waren einige dabei, die für die vereinten oppositionellen Kräfte im Land eine sehr starke Wirkung entfaltet haben, Maria Corina Machado zum Beispiel, die in den Vorwahlen ungefähr 93 Prozent der Stimmen auf sich vereint hat. Ihr wurde die Eintragung ins Wahlregister einfach untersagt, wie auch weiteren Kandidatinnen und Kandidaten. Diese Elemente weisen darauf hin, dass die Wahlen in Venezuela, die am Sonntag, den 28.Juli stattfinden sollen, nicht unbedingt als  demokratische Musterwahlen bezeichnet werden können.

Radio Vatikan:  Was denken Sie denn, wie hoch wird die Wahlbeteiligung am Ende sein unter diesen Bedingungen?

Wieland: Wir gehen davon aus, dass die Wahlbeteiligung relativ hoch sein wird. Die Opposition hat sich auf Edmundo González  als Spitzenkandidaten geeinigt. Frau Machado, die erfolgreiche Oppositionspolitikerin, die nicht zugelassen wurde, unterstützt diesen Kandidaten, und wir vermuten, dass auch mit Hinblick auf diesen vollmundigen Aufruf der venezolanischen Bischöfe sich doch viele Menschen auf den Weg machen werden, um ihre Stimme abzugeben. Wie hoch am Ende die Wahlbeteiligung sein wird, da kann ich leider jetzt nichts sagen. Aber das, was wir mitkriegen von unseren Partnerinnen und Partnern als Lateinamerika-Hilfswerk ist, dass die Wahl wichtig genommen wird.

Thomas Wieland,  Leiter des Bereichs Ausland beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat
Thomas Wieland, Leiter des Bereichs Ausland beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat

„Die Kirche macht keine Unterschiede zwischen den politischen oder religiösen Überzeugungen der Menschen, sondern sie schafft Verbindungen“

Kirche hat wichtige Rolle im Land

Die Kirche spielt in Venezuela eine wichtige Rolle. Zum einen, weil die katholische Kirche über Pfarreien und Ordensgemeinschaften einfach im ganzen Land präsent ist. Und der Blick bei den Wahlen richtet sich auf Caracas, die Hauptstadt Venezuelas. Aber wichtig ist ja auch wahrzunehmen, was in der Breite des Landes geschieht. Und dort bietet die katholische Kirche einfach sehr viel an, was den Staat ersetzt im Bereich der Gesundheit, im Bereich der Schulbildung; auch als Ort, um demokratisches und friedfertiges Zusammenleben einzuüben, zu praktizieren, zu leben auf kommunaler Ebene, in den Pfarreien. Dafür ist die Kirche da, und sie ist eine Instanz, die keine Unterschiede macht zwischen den politischen Überzeugungen oder zwischen den religiösen Überzeugungen der Menschen, sondern sie schafft Verbindungen. Und es ist für uns auffällig, immer wieder in den konkreten Projekten, die Adveniat fördert in Venezuela, dass wir zum Teil auch mit staatlichen Stellen vor Ort zusammenarbeiten - also auch mit Menschen aus der sozialistischen Regierung, aus der chavistischen Partei, gibt es Kooperationen, weil es Kräfte gibt, die einfach versuchen, für die Menschen das Beste vor Ort zu machen. Und die Kirche spielt da unideologisch eine sehr wichtige Rolle. Sie verbindet und schafft damit auch eine Basis, wie vielleicht in einem künftigen Venezuela Menschen gut zusammenleben können.

„Basis, wie vielleicht in einem künftigen Venezuela Menschen gut zusammenleben können“

Hoffnung auf Übergangsprozess

Radio Vatikan: Besteht im Volk noch Interesse an den Wahlen und gibt es Hoffnung, dass sich was ändert? Wie ist die Stimmung im Volk?

Wieland: Die Stimmung ist natürlich sehr bedrückt durch die Alltagssituation. Man muss sich vorstellen, dass man für Lebensmittel enorm großen Aufwand auf sich nehmen muss, um überhaupt etwas zu essen zu bekommen. Die Menschen, zumindest unsere Partner, setzen stark auf einen Übergangsprozess. Es ist wenig aussichtsreich, dass sich nach den Wahlen, selbst wenn jemand anders an die Macht kommt, die Situation in Venezuela verändert. Es ist nicht unbedingt angesagt, dass diejenigen, die jetzt die Macht in ihren Krallen haben, sie einfach loslassen werden, sondern es ist eher der Eintritt in einen Übergangsprozess. So formulieren es auch die Bischöfe in ihrer Stellungnahme. Eine Wieder- Institutionalisierung des Rechtsstaates, des Gesundheitssystems, des Bildungssystems. Und dieser Prozess, glaube ich, der kann am Sonntag mit einem ersten Schritt eingeleitet werden. Und da kommt es darauf an, dann eben auch den jetzigen Machthabern eine Möglichkeit zu geben, sich aus dieser Situation zu verabschieden. Das wird wichtig sein. Und ich glaube, die Leute werden auch erste Schritte schätzen lernen. Da ist die Frage, wie viel Gerechtigkeit bleibt auf der Strecke, um diesen Frieden und diesen neuen Aufbruch in Venezuela zu ermöglichen? Denn es wird auch Möglichkeiten geben müssen, dass die jetzt Regierenden aus den Ämtern ausscheiden, ohne dass sie verfolgt werden, damit sie überhaupt die Macht abgeben. Und dieser langsame Veränderungsprozess, das ist für uns als Adveniat am nächsten Sonntag, den 28. Juli, erst mal eine größere Hoffnung - und zumindest ein erster Schritt, dass die Menschen in Venezuela sich äußern können.

(vatican news - sst) 

 

 

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24. Juli 2024, 15:14