Heiliger Vater, retten Sie mich - Bittbriefe an Pius XII.
Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt
Der Historiker Hubert Wolf und sein Team der Uni Münster hatten mit vielem gerechnet, aber nicht damit, so zahlreiche Bittbriefe von Menschen aus aller Welt zu entdecken, die während des zweiten Weltkriegs von den Nazis verfolgt wurden. Bis heute fand das Team aus Münster in mehr als 1000 Archivschachteln aus sechs Archiven knapp 10.000 solcher Bittbriefe - auf rund 17.400 Seiten und in 17 Sprachen. Das sagten die Historiker jüngst am Sitz der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl, wo sie die bisherigen Ergebnisse ihrer Forschung präsentierten.
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In der letzten Not - ein Schrei um Hilfe
Eines der mindestens 10.000 Hilfsgesuche an Papst Pius XII. während des 2. Weltkriegs, das der Historiker Hubert Wolf und sein Team seit der Archivöffnung vor 5 Jahren aus dem Vatikan-Archiv gefischt haben, ist von Martin Wachskerz. „Aus diesen Worten merkt man, wie ungeheuer nahegehend, emotional - in der letzten Not - ein Schrei um Hilfe - sich diese Menschen befinden. Und sie breiten eigentlich mit einer überraschenden Offenheit ihr Leben vor dem Papst aus“, sagt Professor Hubert Wolf im Gespräch mit Radio Vatikan.
Wie hat Pius XII.,der Vatikan, reagiert?
Der Historiker kennt den Text des Bittschreibens von Martin Wachskerz fast auswendig. Er und sein Team der Uni Münster haben sich vorgenommen, den Menschen hinter den Briefen eine Stimme zu geben, die Bittschreiben zu entziffern, zu transkribieren, und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Außerdem geht es natürlich auch um die Frage: Wie hat Pius XII.,der Vatikan, reagiert?
„In dem Fall Martin Wachskerz ist es so, dass der Brief vom 20. Dezember 1942 stammt. Er kommt wahrscheinlich am 3. Januar 1943 bereits in Rom an, und der Kardinalstaatssekretär, also die zweite Ebene, der Außenminister, wenn man so will, agiert selber unmittelbar, ohne den Papst zu fragen. Das ist also einer der Fälle, wo der Papst nicht eingeschaltet wird, sondern der Kardinalstaatssekretär sagt dem Nuntius in der Schweiz: Diesen Juden droht, dass sie in ein Vernichtungslager deportiert werden. Bitte sagen Sie der Schweizer Fremdenpolizei, dass der Heilige Vater wünscht, dass man diesen vier Menschen ein Visum für die Schweiz gibt. Also doch ein relativ klares Votum. Und der Chef der Schweizer Fremdenpolizei in Bern sagt: Wir haben schon zu viele Juden. Ein solches Visum kann nicht erteilt werden. Und damit hat die Kurie versucht, in dem Fall unmittelbar zu helfen - Sie wäre aber auf die Mitwirkung Dritter angewiesen, nämlich der Schweiz“, berichtet Wolf, was er und sein Team im konkreten Fall Martin Wachskerz herausgefunden haben.
Die Forscher lassen es aber nicht darauf beruhen; sie wollen wissen, was mit der Familie geschah. Und so geht die Spurensuche, die im Vatikan-Archiv mit dem Bittbrief begann, weiter.
Komplexe Spurensuche - auch mit Hilfe einer früheren Kommissarin
Den Historikern ist es wichtig, nicht nur herauszufinden, wie der Papst und der Vatikan reagierten, sondern auch die Schicksale der einzelnen Bittschreiber zu erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und zwar für jedes einzelne der Schreiben. Es ist eine Sisyphos-Arbeit: schwierig, langwierig, komplex. Oft müssen die Forscher in Archiven verschiedener Kurienbehörden, verschiedener Länder, bei Botschaften, Einwanderungsbehörden und Holocaust-Gedenkstätten wie Yad Vashem oder dem US-Holocaust-Museum recherchieren. Der Professor und sein Team haben sich daher auch vielfältige Unterstützung gesucht:
„Wir haben eine ganze Reihe von Citizen Scientists, also Menschen, die in Ruhestand getreten sind, zum Beispiel eine pensionierte Kriminalhauptkommissarin, der ich geschrieben hatte: Weiteres über die Person ist uns bisher nicht bekannt. Ich habe selber noch mal recherchiert, bin nicht weiter gekommen, und dann habe ich sie gebeten. Sie hat drei Tage gearbeitet - und hat es gefunden! Sie hat es geknackt."
Vorläufige Erkenntnisse - mehr wohl erst in 25 Jahren
Natürlich wünschen sich die Forscher aber auch, auf konkrete Fragen präzise historische Antworten geben zu können. Etwa: Was hat Papst Pius XII. gewusst? Und wie hat er reagiert? Der Bittbrief von Martin Wachskerz und die weiteren bisher erforschten Briefe haben immerhin schon eine – vorläufige- Erkenntnis gebracht: Wolf und sein Team gehen davon aus, dass das katholische Kirchenoberhaupt nur etwa von zehn Prozent der Bitten persönlich erfuhr. Manche Dinge kamen auch gar nicht bis zum Papst.
„Er ist völlig abhängig von dem, was die Mitarbeiter vorbereiten und wo sie sagen: Das muss er sehen. Dann aber entscheidet er durchaus, manchmal auch abweichend von einem Vorschlag. Deshalb sage ich: Wir müssen weg von der Engführung Pius XII. und der Holocaust. Wir müssen sagen: Pius XII., die römische Kurie und der Holocaust."
Bis es anhand der Analyse und Aufarbeitung der mindestens 10.000 Bittbriefe belastbare Antworten zur Rolle Pius XII. - und seines Umfelds – während der NS-Zeit gibt, wird es allerdings laut den Wissenschaftlern noch mindestens 25 Jahre dauern:
„Aber dann werden wir nicht nur qualitative Aussagen treffen, sondern auch quantitativ-statistische. Dann werden wir sagen: Es sind genau so und so viele Schreiben mit der Bitte um ein Visum in die USA. Davon hat der Heilige Stuhl so und so viel Prozent unterstützt. So und so viel Prozent hat die amerikanische Regierung bejaht, und so und so viel hat sie abgelehnt. Also, dass wir dann ganz präzise wissen, in welchen Kontexten was passiert. Alles andere sind Impressionen, Eindrücke, aber sie können sich am Ende – Hypothesen- auch modifizieren “, gibt Professor Wolf zu den bisherigen Ergebnissen zu bedenken. Denn fünf Jahre nach der Öffnung der Vatikan-Archive zum Pontifikat von Papst Pius XII. für den Zeitraum 1939-1958 sind noch lange nicht alle der mindestens 10.000 Briefe analysiert und die dazugehörigen Schicksale rekonstruiert. Möglich war es bisher für etwa ein Dutzend Schreiben, darunter das von Martin Wachskerz.
Internetseite zum Projekt, auch mit didaktischem Material
Rund vierzig Bittbriefe haben Professor Hubert Wolf und sein Team der Uni Münster inzwischen schon auf einer eigenen Internetseite für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Asking the Pope for Help www.askingthepopeforhelp.de. Dort können Hilfsgesuche wie das von Martin Wachskerz nachgelesen und auch angehört werden. Es gibt zusätzlich didaktisches Material, etwa für die Arbeit an Schulen.
(vatican news - sst)
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