Kongo und der Krieg im Osten: Ein Interview mit dem Nuntius
Der Vormarsch der M23-Rebellen auf die strategisch wichtige Stadt Goma im Osten des Landes hat Schockwellen bis in die Hauptstadt Kinshasa geschickt. Viele befürchten eine humanitäre Katastrophe in dem von Kriegen und Konflikten schon seit Jahrzehnten gebeutelten Osten des Kongo.
Erzbischof Mitja Leskovar ist der Nuntius des Papstes im „größten katholischen Land“ Afrikas. „Die Lage im Osten ist sehr ernst und heikel“, sagt er uns in einem Telefoninterview an diesem Donnerstag.
„Es gibt viele Opfer. Ich höre von Leichen, die auf den Straßen liegen. Von mehreren Seiten ertönt durchgängiger Waffenlärm. Es sind jedoch nicht alle Teile der Stadt Goma betroffen. Dies ermöglicht es der Bevölkerung, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen, sei es in Form von Nahrungsmitteln oder Grundbedürfnissen. Wir befinden uns in einer Belagerungssituation, die sich auch zu einem größeren Konflikt ausweiten kann.“
Lage ist nicht nur in Goma ernst
Doch nicht nur in Goma sei die Lage sehr ernst, so Franziskus‘ Botschafter. Man müsse auch an die übrige Region denken, wo es weiterhin zu Kämpfen komme, mit all ihren fatalen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung. Er hoffe auf eine Rückkehr an den Verhandlungstisch und auf diplomatische Lösungen. Was er nicht sagt: An einem solchen Tisch müssten auch Vertreter des Nachbarlands Ruanda sitzen. Die ruandische Regierung soll die M23-Rebellen stützen, das sagen auch UNO-Vertreter und selbst Ruanda räumt mittlerweile seinen militärischen Einsatz im Nachbarland teilweise ein.
Der Papst hat bei seiner Generalaudienz am Mittwoch ein Ende der Gewalt im Kongo gefordert. Ein Appell, „der angemessen war und sehr gut aufgenommen wurde“, sagt Erzbischof Leskovar. Der Heilige Stuhl würde gerne auch humanitäre Hilfe für den Osten des Kongo leisten. Aber:
„Das ist derzeit nicht einfach, weil die Möglichkeiten, Dinge dorthin zu schicken, sehr begrenzt sind. Es ist ein Kriegsgebiet! Schon ohne den Krieg ist es schwierig, die Menschen dort zu erreichen, da die Straßen nicht gut und manchmal für Autos unpassierbar sind. Man kommt nur mit Motorrädern oder zu Fuß durch.“
Außerdem sei von außen schwer zu beurteilen, welche konkreten Bedürfnisse es gebe und wo sie am dringendsten seien, so der Nuntius. „Die dritte und vielleicht größte Schwierigkeit ist das Ausmaß des Bedarfs: Sechs oder sieben Millionen Vertriebene in der Demokratischen Republik Kongo benötigen Hilfe. Die Vereinten Nationen, andere Organisationen, viele NGOs, auch die katholische Kirche und andere Kirchen sind am Start, um Hilfe zu bringen. Aber der Bedarf ist so groß, dass es fast unmöglich ist, allen beizustehen, die Hilfe brauchen.“
Vielerorts seien die kirchlichen Gesundheitseinrichtungen die einzigen überhaupt, die es in einer Region gebe. „Ich erhalte alarmierende Informationen über die Situation in Krankenhäusern in Konfliktgebieten. Sie quellen über mit Verletzten, es gibt keinen Platz mehr, das ist eine ernste Lage.“ Wichtig sei im Kongo aber auch die Friedensarbeit der katholischen Kirche, ihr Einsatz für einen umfassenden sozialen Dialog. In der Bevölkerung hat ihr das hohes Ansehen verschafft, in der politischen Landschaft nicht so sehr. „Politische Lösungen fallen nicht direkt in den Zuständigkeitsbereich der Kirche“, sagt der Nuntius dazu, „aber die Kirche ist da, um den ersten Schritt des sozialen Dialogs zu unterstützen.“
Der Vatikan engagiere sich über seinen Ständigen Beobachter auch bei der UNO in New York für eine Friedenslösung im Kongo. Dasselbe tue er auch auf bilateraler Ebene, bei Kontakten mit Staaten. Papst Franziskus wollte vor zwei Jahren eigentlich auch Goma besuchen, doch dort war die Lage zu unsicher, deswegen musste er in Kinshasa bleiben und von dort aus zum Frieden aufrufen.
„Für komplexe Fragen gibt es komplexe Lösungen“
„Die Botschaft des Papstes von vor zwei Jahren ist heute aktueller denn je. Gewalt führt zu nichts, außer zu einer noch schlimmeren Situation für die Vertriebenen, einem noch größeren Rückschlag für die Gesellschaft und noch mehr Armut. Wir müssen diesen Teufelskreis der Gewalt stoppen! Das kann man nur durch Dialog und Kompromissbereitschaft erreichen. Ohne dies ist es nicht möglich, Frieden in diesem Land zu finden, das von all diesen Gegensätzen gemartert wird und manchmal auch von Eigeninteressen in die Irre geführt wird.“
Sicher sei es komplex, eine Formel zu finden, die die verknäuelten Verhältnisse im Osten beruhigen könnte. „Für komplexe Fragen gibt es komplexe Lösungen“, sagt Erzbischof Leskovar.
„Man muss auf verschiedenen Ebenen arbeiten: auf der Ebene der internationalen Gemeinschaft und auf nationaler Ebene, indem man die staatlichen Strukturen stärkt, versucht, die Korruption zu bekämpfen und das Bewusstsein für die Verantwortung jedes einzelnen Bürgers für das Gemeinwohl zu wecken. Eines der größten Probleme ist die mangelnde Rücksichtnahme auf das Gemeinwohl und eine zu starke Fokussierung auf das persönliche Wohl. Es müssen Methoden entwickelt werden, um dieses Bewusstsein für die Mitverantwortung eines jeden Bürgers für das Gemeinwohl und die Entwicklung des Landes zu wecken.“
Harte Arbeit leisten und Opfer bringen
Ohne eine Art „Bekehrung des Herzens“ auch bei den Einzelnen werde das nicht gehen. „Man kann die Lösung der Probleme nicht von den staatlichen Strukturen oder der internationalen Gemeinschaft erwarten, ohne selbst das eigene Herz, die eigenen Gewohnheiten und Überzeugungen zu hinterfragen.“
Aber der Nuntius hat doch Hoffnung. „Ich glaube nicht, dass es eine verlorene Situation gibt, aus der sich kein Ausweg finden ließe. Man muss eben harte Arbeit leisten und Opfer bringen. Aber das gibt dann auch eine Perspektive: Die Dinge können sich verbessern. Wir können zwar nicht das Paradies auf Erden verwirklichen; alle Pläne des Menschen in dieser Richtung sind gescheitert. Aber das bedeutet doch nicht, dass wir nichts tun sollten…“
Auch die Kirche könne eine Menge für den Frieden im Kongo leisten. So stünden doch zwischen 40 und 50 Prozent der Bildungseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. „Das ist ein enormes Potenzial… Initiativen für den Frieden und den Dialog gibt es längst, sie müssen intensiviert werden, es muss noch Unterstützung gefunden werden, aber die Lösung ist bereits da, sie muss nur weiterentwickelt und ausgeweitet werden.“
Das Interview führte Delphine Allaire von Radio Vatikan.
(vatican news – sk)
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